Zum Hauptinhalt springen

Meldungen

24. Juni 2026

Wir haben großen Respekt vor der komplexen und verantwortungsvollen Arbeit des Gremiums Finanzkommission Gesundheit. Als niedergelassene, in der vertragsärztlichen Versorgung tätige Fachärzt:innen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie stehen wir geschlossen hinter den Grundprinzipien der Solidargemeinschaft und geben unsere Zusage, an der Bewältigung der aktuellen finanziellen Herausforderungen konstruktiv mitzuwirken. Dass gemeinsam gespart werden muss, ist unstrittig! Eine kosteneffizientere Ausgestaltung des Gesundheitswesens ist auch aus unserer Sicht dringlich erforderlich.

Jedoch birgt die durch den Kostendruck getriebene aktuelle ökonomische Effizienzlogik eine erhebliche Gefahr für die Patient:innenversorgung und die Folgekosten im Gesundheitssystem, da sie einer mechanistisch/ technisierten Perspektive auf Menschen und deren Körperfunktionen folgt. Psychosomatisch-Medizinische Perspektiven erweitern die Somatische Medizin um psychosoziale Einflußfaktoren, - sie reduzieren sie nicht darauf, wie häufig irrtümlich angenommen. Biopsychosoziale Perspektiven in der Medizin folgen der Conditio Humana.

Wir sind alarmiert von der drohenden Gefährdung der ohnehin bereits angespannten Versorgung in unserem Fachgebiet mit erheblichem Risiko für die Patient:innen und massiven Folgekosten für das Gesundheitssystem in kostenintensiveren Sparten als der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung.

In der Psychosomatischen Medizin verfügen wir über die medizinische Schnittstellenkompetenz zwischen Somatischer Medizin und Psychotherapie in Diagnostik und Therapie. Auf diese Weise sind wir vermittelnd und somit kostensparend als wichtiges Steuerungsinstrument im Gesundheitssystem tätig. Immer wieder wird dieses gut belegte biopsychosoziale Krankheitsverständnis ökonomisch zur Sicherung von Partikular- und industriellen Interessen ignoriert. Dabei ist belegt, dass ein in die Psychotherapie investierter Euro drei Euro Kosten im Gesundheitssystem einspart. Die Gesamteinsparungen in unserem Fachbereich liegen ‘lediglich‘ bei ca. 1,1%, haben jedoch drastische Konsequenzen für die Versorgung der Patient:innen.

Wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass wir ein durch Kriege und Naziverbrechen traumatisch belastetes Volk mit der Folge von heterogenen Traumafolgestörungen sind und diese Folgestörungen einen erheblichen Einfluss auf unsere körperliche Gesundheit, seelische Verfassung und Lebensqualität haben. Die sich hieraus auch im Gesundheitssystem - durch Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen - ergebenden Mehrkosten sind nachvollziehbar und gut belegt. German Angst, Schuld und Scham, von uns in der Regel gut verdrängt und nicht bewusst, verursacht entweder depressiv verarbeitete oder somatisierte Affekte. Phänomenologisch konnte man dies gut während der Eurokrise (Die Deutschen hatten die höchste, die Griechen die niedrigste Angst.), dem Lockdown während der Coronapandemie (In Deutschland war Klopapier, in Frankreich waren Rotwein und Kondome ausverkauft.), oder z.B. zu Beginn des Ukrainekrieges (Lediglich in Deutschland wurde nach Zuschaltung von Präsident Selenskyj die Tagesordnung im Parlament beibehalten.) beobachten und in internationalen, bevorzugt angelsächsischen Medien, Kommentierungen zu German Angst, Schuld und Scham und den hieraus resultierenden kollektiven Verhaltensauffälligkeiten der Deutschen lesen. Demzufolge lassen sich Gesundheitsdaten im europäischen Vergleich nur schwer vergleichen.

Unter der Fehlannahme von Patient:innen und Ärzt:innen, dass diese verdrängten Affekte und Affektäquivalente einer körperlichen Erkrankung zuzuordnen sein müssen, verursachen diese 1 erhebliche Kosten im Gesundheitssystem. Fehldiagnostik und Mehrfachuntersuchungen sind die Folge und treiben die Kosten hoch. In Zeiten multipler Krisen durch Klimawandel und Kriege, digitale und sexualisierte Gewalt etc. steigen die emotionalen Belastungen und dadurch auch der Bedarf an Psychotherapie und nachvollziehbarerweise auch die Kosten im Gesundheitswesen. Es sollte verständlich werden, warum Deutschland im europäischen Vergleich immer wieder durch Mehrinanspruchnahme im Gesundheitswesen auffällt. Psychotherapie folgt also klar dem Bedarf, nicht umgekehrt.

Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sind hochkomplex, individuell, langfristig wirksam und eine Chance für die frühzeitige Erkennung biopsychosozialer Krankheitsursachen bzw. krankheitsaufrechterhaltener Mechanismen. Beide Behandlungsmodelle schützen vor (irreversibler) Chronifizierung. Ökonomische Modelle – wie sie die FKG nutzt – können diese Komplexität nur unvollständig abbilden.

Die Auswirkungen der FKG-Sparmaßnahmen erschweren unseres Erachtens den Zugang zur psychosomatischen und psychotherapeutischen Versorgung, verlängern die Wartezeiten, insbesondere für schwere Fälle, und verursachen langfristig noch höhere Kosten, da die unternehmerischen Rahmenbedingungen und steigenden Kosten (Betriebskosten, Personal, etc.) kompensiert werde müssen. Es ist zu befürchten, dass sich Versorgungsanteile in den Bereich der privatversicherten Patient:innen, die Supervisionsleistungen und Coachingbereiche etc. verlagern. 

Die Psychosomatische Medizin lebt von interdisziplinären Behandlungen (z. B. bei Schmerz, Reizdarm, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs etc.). Wenn der Zugang zu Psychotherapie erschwert wird, träfe das direkt die Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Praxen, Psychosomatische Ambulanzen, Psychosomatische Kliniken sowie Konsiliar- und Liaison-Dienste.

Patient:innen mit körperlichen Erkrankungen hätten ggfs. einen erschwerten Zugang zu psychischer Mitbehandlung, obwohl diese nachweislich die Prognose verbessern würde. Ohne die notwendige psychische Mitbehandlung würden sich auch chronische körperliche Erkrankungen (wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Schmerzen, Krebs und Autoimmunerkrankungen) verschlechtern. Die psychosomatische Mitbehandlung hingegen reduziert u.a. Entzündungswerte, Schmerzintensität, Medikamentenverbrauch und Krankenhausaufenthalte.

Auch somatische Fachbereiche würden wichtigen Support/Mitbehandlung bei komorbider Angst, Depression, Trauma, Hilfe bei Therapieadhärenz und Krisenintervention verlieren. Die Folge wären schlechtere Behandlungsergebnisse in unserer Medizin.

Wenn psychosomatische Ursachen und Komorbiditäten nicht erkannt oder behandelt werden, kommt es regelhaft zu somatischer Überdiagnostik und Überbehandlung auf Grundlage mechanistisch/ technisierter Perspektiven auf Menschen und deren Körperfunktionen. Enorme Mehrkosten für unnötige CTs, MRTs, Laboruntersuchungen, invasive Eingriffe, Arztwechsel und Medikamentenverordnungen sind vorhersehbare alarmierende Konsequenzen.

Psychische Unterversorgung führt zu somatischer Überversorgung – diese ist teuer und belastet das Gesundheitssystem zusätzlich. Gerade hier sehen wir unsere Verantwortung für die Solidargemeinschaft.

Studien zeigen auch, dass eine unbehandelte Depression die Sterblichkeit bei Herzinfarkt, Diabetes, Krebs, COPD und Herzinfarkt signifikant erhöhen. Wenn Psychotherapie schwerer zugänglich wird, steigt das Risiko u.a. für Therapieabbrüche, schlechtere Prognosen und höherer Sterblichkeit. Die geplanten Sparmaßnahmen gefährden die Versorgung und Leben. 

Auch die stationäre Psychosomatik wird finanziell unter Druck gesetzt. Psychosomatische Kliniken sind besonders gefährdet, weil sie personalintensiv arbeiten müssen, um multimodale Therapiekonzepte mit kausalem Ansatz anbieten zu können und aufgrund der Komplexität der Behandlungsfälle tlw. längere Behandlungszeiten benötigen. Hierdurch steigt die Gefahr für Bettenabbau, Klinikschließungen und weniger Versorgungsangebote.

Psychosomatische und psychische Erkrankungen sind in Deutschland einer der häufigsten Gründe für längere Arbeitsausfälle, mehr Krankschreibungen, mehr Reha und mehr Erwerbsminderungsrenten und führen in der Folge zu einem nachweislichen Anstieg sekundärer indirekter Behandlungskosten. (siehe auch Daten des Statistischen Bundesamtes) Die FKG-Vorschläge sparen möglicherweise kurzfristig, verursachen aber massive volkswirtschaftliche Folgekosten. Sie treffen nicht nur die Psychotherapie, sondern das gesamte medizinische System. Weniger Psychosomatische Medizin/ weniger Psychotherapie = mehr Komplikationen, mehr Chronifizierung, mehr Kosten. Sehr geehrte Mitglieder der Finanzkommission Gesundheit, sprechen Sie mit uns. Wir stehen zu unserer Verantwortung und sind gerne jederzeit für Sie erreichbar.

Die Vorstände des BPM und der DGPM
Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (BPM) e.V.
Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) e.V.